„Mittel zum Leben, die den Namen auch verdienen.“
Über diesen Satz bin ich auf der Website von Chiemgaukorn gestolpert. Seitdem geht mir das Wort Lebensmittel nicht mehr aus dem Kopf.
Wir benutzen es ganz selbstverständlich. Jeden Tag, sogar mehrmals. Doch wann haben wir uns eigentlich zuletzt gefragt, warum Lebensmittel so heißen?
Als Anke Cras zu ihrer Blogparade „Wertschätzung von Lebensmitteln“ aufgerufen hat, wollte ich deshalb bewusst einen anderen Blick auf das Thema werfen. Denn über Lebensmittelverschwendung, regionale Produkte oder die Arbeit in der Landwirtschaft wurde schon viel geschrieben.
Mich beschäftigt vielmehr die Frage:
Was ist eigentlich ein Lebensmittel – und wie entsteht in einem Kind überhaupt das Verständnis dafür?
Ankes Beitrag und ihren Aufruf zur Blogparade findet ihr hier:
Was ist eigentlich ein Lebensmittel?
Die meisten würden vermutlich antworten:
„Alles, was man essen oder trinken kann.“
Damit liegen sie gar nicht so falsch. Zu den Lebensmitteln gehören nicht nur Brot, Obst oder Milch, sondern auch Wasser, Gewürze, Kaffee, Tee, Schokolade oder Honig. Selbst Bier und Wein zählen lebensmittelrechtlich zu den Lebensmitteln – auch wenn sie natürlich keine Grundnahrungsmittel sind.
Schon daran wird deutlich, wie vielfältig Lebensmittel sind.
Die Vielfalt unserer Lebensmittel
Lebensmittel begleiten uns den ganzen Tag. Vom Glas Wasser nach dem Aufstehen über den Kaffee am Morgen, das Butterbrot zum Frühstück und den Apfel zwischendurch bis zum Abendessen. Dabei denken wir meist gar nicht darüber nach, wie unterschiedlich all diese Lebensmittel eigentlich sind.
Es gibt Lebensmittel, die unsere tägliche Versorgung sichern. Dazu gehören Wasser sowie Grundnahrungsmittel wie Brot, Kartoffeln, Reis oder Getreide. Auch Obst und Gemüse gehören für viele Menschen ganz selbstverständlich zu einer ausgewogenen Ernährung.
Dann gibt es Lebensmittel, die unsere Ernährung ergänzen – zum Beispiel Milch und Milchprodukte, Eier, Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchte sowie Fette und Nüsse.
Und schließlich gibt es Lebensmittel, die wir vor allem wegen ihres Geschmacks und ihres Genusses schätzen: Gewürze und Kräuter, Kaffee, Tee, Schokolade oder auch ein Glas Wein.
So unterschiedlich diese Lebensmittel auch sind – sie gehören alle zu dem, was wir Lebensmittel nennen. Manche sichern unsere tägliche Versorgung, andere bereichern unseren Speiseplan durch Geschmack, Tradition oder Genuss. Gerade diese Vielfalt macht deutlich, wie facettenreich der Begriff „Lebensmittel“ eigentlich ist.
Wir achten auf Geschmack – aber kennen wir auch die Geschichte dahinter?
Der Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zeigt, dass 99 Prozent der Befragten guter Geschmack beim Essen wichtig oder sehr wichtig ist. Außerdem legen 77 Prozent Wert darauf, dass Lebensmittel aus ihrer Region kommen.
Das finde ich eine erfreuliche Entwicklung. Doch ich glaube, es lohnt sich, noch einen Schritt weiterzugehen: nicht nur zu wissen, woher unsere Lebensmittel kommen, sondern auch zu verstehen, wie sie entstehen.
Mir geht es zum Beispiel mit Reis so.

Seit ich selbst gesehen habe, wie Reis angebaut wird, sehe ich eine Packung Reis mit anderen Augen.
Reis ist für uns ein ganz alltägliches Lebensmittel, das wir im Supermarkt für vergleichsweise wenig Geld kaufen können. Doch ich war selbst einmal auf einem Reisfeld und habe dort gesehen, unter welchen Bedingungen Menschen Reis anbauen. Ich habe erlebt, wie die Reisbauern in gebückter Haltung und bei großer Hitze auf den Feldern arbeiten.
Seitdem sehe ich eine Packung Reis mit anderen Augen.
Oder Honig.

Für ein Glas Honig besuchen Bienen Millionen von Blüten. Erst wenn man einem Imker über die Schulter schaut, wird sichtbar, wie viel Natur und Arbeit in diesem Lebensmittel steckt.
Wenn man einmal selbst gesehen hat, wie viel körperliche Arbeit hinter einem Lebensmittel steckt, erscheint der günstige Preis im Supermarkt plötzlich in einem anderen Licht. Für mich stellt sich dann die Frage, ob dieser Preis dem tatsächlichen Aufwand und der Arbeit der Menschen, die dahinterstehen, überhaupt gerecht werden kann.
Genau solche Erlebnisse verändern unsere Wahrnehmung von Lebensmitteln. Wir kennen plötzlich einen Teil ihrer Geschichte.
Und genau das erleben auch Kinder auf einem Bauernhof – natürlich in einem ganz anderen Umfeld. Sie sehen nicht nur das fertige Lebensmittel, sondern entdecken, was davor passiert. Sie dürfen selbst ausprobieren, anfassen und mitmachen.
Kinder sehen Lebensmittel mit anderen Augen
Wie entsteht eigentlich in einem Kind das Verständnis dafür, was ein Lebensmittel ist?
Diese Frage finde ich besonders spannend. Denn Kinder essen zunächst einmal das, was wir Erwachsenen für sie einkaufen und zubereiten. Sie kennen die Milch aus dem Kühlschrank, die Eier aus dem Karton und das Brot vom Bäcker – und das ist natürlich völlig normal.
Auf einem Bauernhof kann sich diese Sichtweise verändern.
Kinder lernen Lebensmittel nicht durch Erklärungen kennen, sondern durch Erlebnisse.
Genau deshalb lassen die Erlebnisbäuerinnen die Kinder bei ihren Führungen so viel wie möglich selbst ausprobieren. Sie sammeln die Eier bei den Hühnern, erfahren dabei, wie die Tiere leben und warum Eier unterschiedlich aussehen können. Sie mahlen Getreide zu Mehl oder schütteln aus Sahne ihre eigene Butter.
Manchmal führen all diese einzelnen Schritte am Ende sogar zu einem gemeinsamen Ergebnis: Die Kinder sammeln zuerst die Eier, mahlen das Mehl, schütteln die Butter und rühren anschließend aus den Zutaten einen Teig für Pfannkuchen oder Waffeln zusammen.
So erleben sie ganz nebenbei, wie aus einzelnen landwirtschaftlichen Erzeugnissen ein fertiges Lebensmittel entsteht. Butter ist danach nicht mehr nur der gelbe Block aus dem Kühlregal und Mehl nicht einfach das weiße Pulver aus einer Tüte. Die Kinder kennen einen Teil der Geschichte dahinter, weil sie ihn selbst erlebt haben.
Sie lernen also nicht nur, woher Lebensmittel kommen. Sie erleben, wie sie entstehen.
Das Wurstbrot in der Brotzeitbox
Auch ein ganz gewöhnliches Wurstbrot kann plötzlich eine spannende Geschichte erzählen.
Für ein Kind ist es zunächst einfach das Wurstbrot, das morgens von Mama oder Papa in die Brotzeitbox gepackt wurde. Schaut man genauer hin, stecken darin jedoch gleich mehrere Lebensmittel – und hinter jedem davon steht eine eigene Geschichte.
Für das Brot musste zunächst Getreide wachsen. Es wurde geerntet, zu Mehl gemahlen und schließlich vom Bäcker zu Brot verarbeitet. Für die Butter brauchte es Milch, und auch die Wurst war nicht plötzlich im Supermarktregal: Dafür wurden Tiere gehalten, gefüttert und versorgt, bevor das Fleisch verarbeitet werden konnte. Hinzu kommen Salz und Gewürze, die wiederum ganz andere Ursprünge und Wege hinter sich haben.
Aus einem einfachen Wurstbrot wird so eine kleine Geschichte über Landwirtschaft, Tiere, Pflanzen, Handwerk und Menschen.
Und genau das können Kinder auf einem Bauernhof entdecken: Hinter vielen Lebensmitteln, die für sie im Alltag völlig selbstverständlich sind, steckt viel mehr, als man auf den ersten Blick sieht.
Wenn ein Butterbrot plötzlich besonders gut schmeckt
Wie sehr ein solches Erlebnis nachwirken kann, hat mir vor Kurzem eine Lehrerin erzählt.
Eine Mutter war in ihrer Sprechstunde und wollte unbedingt wissen, welches Brot ihr Sohn beim Bauernhofbesuch gegessen hatte. Ihr Sohn sei beim Essen sehr wählerisch. Doch auf dem Bauernhof hatte ihm das Brot mit der selbst geschüttelten Butter so gut geschmeckt, dass er genau dieses Brot nun auch zu Hause wieder essen möchte.
Ich musste schmunzeln, als mir die Lehrerin davon erzählte.
War es wirklich nur das Brot, das plötzlich so gut geschmeckt hat? Oder war es vielleicht das ganze Erlebnis dazu?
Ich glaube, Kinder schmecken Lebensmittel manchmal tatsächlich mit anderen Augen. Wenn sie selbst Butter geschüttelt, Getreide gemahlen oder Eier gesammelt haben, entsteht eine Verbindung zu dem, was anschließend auf ihrem Teller liegt. Aus einem einfachen Butterbrot wird etwas Besonderes, weil sie einen Teil seiner Geschichte kennen und vielleicht sogar selbst daran mitgewirkt haben.
Vielleicht schmeckt genau deshalb manches plötzlich so viel besser.
Wertschätzung beginnt beim Verstehen
Je länger ich über das Wort Lebensmittel nachgedacht habe, desto schöner finde ich seine Bedeutung.
Lebensmittel sind weit mehr als Produkte, die wir im Supermarkt in unseren Einkaufswagen legen. Hinter ihnen stehen Pflanzen und Tiere, Böden und Wasser, Sonne und Regen, Zeit und Wissen – und Menschen, die dafür sorgen, dass am Ende etwas auf unserem Teller liegt.
Genau das erleben Kinder auf den Bauernhöfen, mit denen ich zusammenarbeite. Und vielleicht liegt darin auch die Antwort auf die Frage, warum meinen Erlebnisbäuerinnen der achtsame Umgang mit Lebensmitteln so wichtig ist.
Sie müssen den Kindern nicht mit erhobenem Zeigefinger erklären, dass man Lebensmittel nicht wegwerfen soll. Sie zeigen ihnen lieber, wie Lebensmittel entstehen und wie viele einzelne Schritte notwendig sind, bis aus Getreide Mehl, aus Sahne Butter oder aus verschiedenen Zutaten ein Pfannkuchen wird.

Eier werden gestempelt
Wer einmal selbst eine Kuh gemolken, Eier gesammelt, Butter geschüttelt oder Getreide gemahlen hat, sieht sein Frühstück oder seine Brotzeit vielleicht tatsächlich mit anderen Augen.
Denn Wertschätzung beginnt für mich nicht erst bei der Frage, ob wir ein Lebensmittel wegwerfen.
Sie beginnt viel früher: beim Kennenlernen, beim Erleben und beim Verstehen.
Und vielleicht werden Lebensmittel genau dadurch wieder zu dem, was ihr Name eigentlich verspricht:
zu Mitteln zum Leben, die unsere Wertschätzung verdienen.